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IFRS 17: Neuer Standard zur Bilanzierung von Versicherungsverträgen veröffentlicht

IRZ, Heft 6, Juni 2016, S. 245

Am 18. Mai 2017 hat der IASB den lange erwarteten IFRS 17 „Versicherungsverträge“ veröffentlicht. Der neue Standard ist kein reiner Branchenstandard nur für die Versicherungswirtschaft, sondern ist von allen Unternehmen, die Versicherungsverträge im Anwendungsbereich des Standards begeben, zu beachten. IFRS 17 verfolgt das Ziel einer konsistenten, prinzipienbasierten Bilanzierung für Versicherungsverträge und erfordert eine Bewertung von Versicherungsverbindlichkeiten mit einem aktuellen Erfüllungswert.


IFRS 17 ist das Ergebnis einer 20 Jahre währenden Diskussion des IASB und seiner Vorgängerorganisation über explizite und verbindliche Bilanzierungsregeln für Versicherungsverträge. Als erster Schritt wurde vom IASB im Jahr 2003 der Interimsstandard IFRS 4 „Versicherungsverträge“ veröffentlicht, der für Berichtsperioden ab 2005 verpflichtend anzuwenden war und den Unternehmen in erster Linie bestimmte Berichtspflichten bei Beibehaltung der zuvor praktizierten Bilanzierungsregelungen auferlegte. Mit IFRS 17 sind nun einheitliche Regeln zur Bilanzierung von und Angaben zu Versicherungsverträgen zu befolgen; der Übergangsstandard IFRS 4 wird entsprechend aufgehoben. Auf die Veröffentlichung eines Diskussionspapiers im Mai 2007 durch den IASB folgte im Juli 2010 der erste Standardentwurf ED/2010/8 Versicherungsverträge und im Juni 2013 ein zweiter, überarbeiteter Standardentwurf (ED/2013/7). Im Februar 2016 beendete der IASB seine Beratungen, jedoch flossen noch Änderungen aus den Ergebnissen des Feldversuchs im Sommer 2016 in den nun finalen Standard ein.

In den Anwendungsbereich des neuen Standards fallen Versicherungsverträge sowie aktive und passive Rückversicherungsverträge. Außerdem deckt der Standard auch Kapitalanlageverträge mit ermessensabhängiger Überschussbeteiligung ab, die von Unternehmen gehalten werden, die gleichzeitig Versicherungsverträge i.S.d. Standards ausgeben.

IFRS 17 fordert die Identifikation von Portfolien von ausgegebenen Versicherungsverträgen, die ähnliche Risiken aufweisen und gemeinsam gesteuert werden. Für Berichtszwecke ist jedes dieser Portfolien ausgegebener Versicherungsverträge in die folgenden drei Gruppen zu untergliedern:

 

 

Verträge dürfen nur dann gemeinsam in eine Gruppe von Versicherungsverträgen aufgenommen werden, wenn sie innerhalb eines Jahres ausgegeben wurden. Fallen Verträge innerhalb eines Portfolios nur deshalb in verschiedene Gruppen, weil Gesetze oder Vorschriften die tatsächliche Fähigkeit des Unternehmens einschränken, einen anderen Preis oder ein anderes Profitabilitätslevel für Versicherungsnehmer mit unterschiedlichen Charakteristika festzulegen, kann das Unternehmen diese Verträge derselben Gruppe zuordnen.

Nach IFRS 17 werden Versicherungsverträge entweder nach einem allgemeinen Rechnungslegungsmodell oder nach dem sog. premium allocation approach bewertet.

Nach dem allgemeinen Modell hat ein Unternehmen eine Gruppe von Versicherungsverträgen bei erstmaligem Ansatz als die Summe aus (a) dem Betrag des Erfüllungswerts (fulfilment cash flows, FCF) und (b) der vertraglichen Servicemarge (contractual service margin, CSM) zu bewerten. Dabei fließen in die FCF die wahrscheinlichkeitsgewichtete Schätzung der zukünftigen Zahlungsströme, eine Anpassung hinsichtlich des Zeitwerts des Geldes und der finanziellen Risiken, die mit den zukünftigen Zahlungsströmen verbunden sind, sowie eine risikobedingte Anpassung in Bezug auf die nicht-finanziellen Risiken ein. Bei der Folgebewertung ist der Buchwert einer Gruppe von Versicherungsverträgen als Summe aus der Verbindlichkeit für zukünftigen Versicherungsschutz und der Verbindlichkeit für eingetretene Schäden zu ermitteln. Während die Verbindlichkeit für zukünftigen Versicherungsschutz die FCF, die sich auf zukünftige Leistungen beziehen, und die CSM der Gruppe berücksichtigt, bildet die Verbindlichkeit für eingetretene Schäden die FCF für vergangene Leistungen der Gruppe ab.

Demgegenüber führt der premium allocation approach (PAA), der nur unter bestimmten Bedingungen angewendet werden darf, zu einer vereinfachten Bewertung einer Gruppe von Versicherungsverträgen. Nach dem PAA entspricht die Bewertung der Verbindlichkeit für zukünftigen Versicherungsschutz bei erstmaligem Ansatz den erhaltenen Prämien (soweit vorhanden) abzüglich anfänglicher Zahlungen für Abschlusskosten. In den Folgeperioden ist dieser Bilanzansatz unter Berücksichtigung erhaltener Prämien, Zahlungen für Abschlusskosten und deren Amortisation, des Betrags, der als versicherungstechnischer Umsatz für die bereitgestellte Deckung innerhalb der Berichtsperiode erfasst wurde, sowie der Kapitalanalagekomponenten, die gezahlt oder auf die Verbindlichkeit für eingetretene Schäden übertragen wurden, fortzuentwickeln.

IFRS 17 verlangt für die in der Gesamtergebnisrechnung erfassten Beträge eine Untergliederung in ein versicherungstechnisches Ergebnis (versicherungstechnischer Umsatz abzüglich versicherungstechnische Aufwendungen ohne Kapitalanlagekomponenten) sowie versicherungstechnische Finanzerträge und Finanzaufwendungen. Zudem sind Erträge und Aufwendungen aus passiven Rückversicherungsverträgen separat von den Erträgen und Aufwendungen der ausgegebenen Versicherungsverträge auszuweisen. Sämtliche vorgenannten Ergebniskomponenten werden erfolgswirksam erfasst.

Der neue Standard schreibt darüber hinaus die Aufnahme qualitativer und quantitativer Informationen in den Anhang vor, die sich auf (1) die in der Bilanz angesetzten Beträge, die aus Versicherungsverträgen hervorgehen, (2) die wesentlichen Ermessensentscheidungen und deren Veränderungen unter Anwendung von IFRS 17 und (3) die Art und den Umfang der Risiken, die sich aus Versicherungsverträgen ergeben, beziehen.

IFRS 17 ist erstmals verpflichtend anzuwenden für Geschäftsjahre, die am oder nach dem 1. Januar 2021 beginnen. Eine vorzeitige Anwendung von IFRS 17 bedingt die gleichzeitige Anwendung von IFRS 15 „Erlöse aus Verträgen mit Kunde“ und IFRS 9 „Finanzinstrumente“. IFRS-Anwender in der EU müssen jedoch zunächst das Endorsement des neuen Standards abwarten. IFRS 17 ist grundsätzlich retrospektiv anzuwenden. Ausschließlich im Fall einer technischen Undurchführbarkeit der rückwirkenden Anwendung sieht der IASB einen Übergang auf IFRS 17 entweder nach einem modifizierten retrospektiven Ansatz (modified retrospective approach) oder einem Fair-Value-Ansatz (fair value approach) vor.

 



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