Uniroyal-Untersuchung über die Entwicklung der Verkehrsmoral der letzten Jahrzehnte


Positiv fällt das Urteil der Verkehrsforscher aus, die im Rückblick auf mehr als zwei Jahrzehnte das Verhalten deutscher Verkehrsteilnehmer beurteilen sollten: "Insgesamt gesehen gibt es keinen Anlass, Veränderungen in den Verhaltensweisen als einen Verfall der Sitten zu bezeichnen", heißt es in der 25. Uniroyal-Verkehrsuntersuchung, die soeben veröffentlicht wurde.

"Überraschend ist eher die relative Konstanz von Einstellungen und Verhaltensmustern", so die Autoren. Von einem "moralischen Tief" könne keine Rede sein.

Die Untersuchung mit dem provozierenden Titel "Verfall der Sitten?" befasst sich in diesem Jahr mit der Entwicklung der Verkehrsmoral. Dr. Dieter Ellinghaus und Professor Dr. Jürgen Steinbrecher, die seit langem das Verkehrsgeschehen und die Einstellungen der Verkehrsteilnehmer für die Uniroyal-Verkehrsuntersuchungen beobachten, haben Daten ihrer Arbeit mit neuesten Beobachtungen und Befragungen verglichen. Dazu haben sie in drei weiteren europäischen Ländern Fakten gesammelt und in den Vergleich mit Deutschland einbezogen. Heraus kam ein überraschend positives Bild des Verkehrsgeschehens, dem die Autoren ein hohes Maß an friedlichem, aber auch selbstbewusstem Miteinander bescheinigen.

Das ist umso überraschender, als sich, wie die Autoren hervorheben, die Zahl der Personenkraftwagen in den letzten 30 Jahren verdreifacht hat, die zur Verfügung stehenden Straßenkilometer allerdings seit den achtziger Jahren so gut wie unverändert geblieben sind. Lediglich das Autobahnnetz wurde ausgebaut - mit der Folge, dass sich der Massenverkehr genau dorthin verlagerte. Autobahnen wurden damit zum eigentlichen Brennpunkt der Verkehrskonflikte.

Dabei geht die Zahl der Unfälle mit Personenschaden und die der Verkehrstoten stetig zurück, die der Verkehrstoten übrigens auch in Belgien, Frankreich und Italien, wenn auch nicht im selben Maße wie in Deutschland. Die größten Rückgänge zeigen sich in den letzten Jahren bei der Anzahl von Fußgängern, die im Straßenverkehr getötet werden. Gleichzeitig bekunden die Autofahrer inzwischen ausgesprochene "Regeltreue", wenn auch die meisten selbst entscheiden wollen, welche Regeln des als viel zu umfangreich und kompliziert empfundenen Regelkatalogs sie befolgen möchten oder nicht.

"Als Hauptursache für Regelverstöße", so heißt es in der Uniroyal-Verkehrsuntersuchung, "gilt heute vor allem der Egoismus des Einzelnen." Die Verkehrsmoral sei nicht in Gefahr, im Gegenteil: Immer mehr Verkehrsteilnehmer auf einem begrenzten Straßennetz ließen den meisten Autofahrern gar keinen andere Wahl, als sich den äußeren Zwängen anzupassen. Die Tendenz habe zugenommen, so die Verkehrsexperten, "Regeln im Kontext zu sehen und dann über deren Befolgung selbst zu entscheiden."

Vom Statussymbol zum angepassten Transportmittel

Die Tendenz, angesichts der Verhältnisse weniger auf Regeln zu achten und stattdessen selbst Entscheidungen zu treffen, gab es in den Anfängen des Autoverkehrs nicht. Bis in die zwanziger Jahre galt das Automobil als ausgeprägtes Statussymbol. Autofahren war eine Sache der Reichen, die der Freizeitgestaltung und sportlichen Ambitionen diente. Da gab es durchaus Aggressionen, wie die Autoren der 25. Uniroyal-Verkehrsuntersuchung schreiben, ¹die eher der Klasse der Autofahrer als ihrem Auto galten``. Dem motorisierten Verkehr wurden jedenfalls mehr Freiräume zugebilligt als anderen Verkehrsteilnehmern, und diese Überlegenheit hielt bis in die sechziger Jahre an.

Dann wuchsen die Zahlen der motorisierten Verkehrsteilnehmer und mit ihnen die Probleme im Sicherheitsbereich an, und die Umweltbelastung durch den Straßenverkehr rückte ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Folge: Immer neue, immer detailliertere und immer mehr Verkehrsvorschriften wurden erlassen. Die Autoren: "Wie allerdings die Erfahrung lehrt, ist die Regelkraft der Vorschriften begrenzt." Und sie fügen hinzu: "Im Verkehrsalltag ist regelwidriges Verhalten weit verbreitet, und trotz aller Vorschriften gelingt es weder, Konflikte und Unfälle zu vermeiden, noch den Verkehr stets flüssig zu halten."

Allerdings ist eine Tendenz dahingehend feststellbar, dass mit fortschreitender Gesetzgebung die Position der schwächeren Verkehrsteilnehmer gestärkt wurde. Kinder, Fußgänger, Radfahrer gehörten zu den bevorzugten Zielgruppen der verkehrsrechtlichen Entwicklung der letzten Jahre.

Aber auch 25 Jahre Gewöhnung, so Ellinghaus und Steinbrecher, sind keine Garantie dafür, dass Regeln zum kooperativen Miteinander wirklich akzeptiert werden. Das zeigt das Beispiel der Einführung des Reißverschlussverfahrens an Engstellen. "Keineswegs ist es so, dass heute konsequent mehrspurig bis zu einer Engstelle vorgefahren wird, wie es ein Erlass vor 25 Jahren vorsah. Noch immer ordnet sich die Mehrzahl der Fahrer früher ein und empfindet Fahrzeuglenker, die an der bereits einspurigen Schlange bis zur Engstelle vorbeifahren und dort nach dem Reißverschlussverfahren einscheren wollen, als Störenfriede und deren Verhalten als unsozial."

Innerstädtischer Verkehr: gleichbleibend diszipliniert

Dennoch haben sich das Verhalten und die Einstellungsmuster der Verkehrsteilnehmer an entscheidenden Stellen verändert, wie die Autoren der 25. Uniroyal-Verkehrsuntersuchung feststellten. Aber haben sie sich auch so verändert, dass von einem Anstieg regelwidrigen Verhaltens gesprochen werden kann und somit vom ¹Verfall der Sitten``, wie immer wieder in den Medien beschrieben?

Ellinghaus und Steinbrecher sind der Frage mit Hilfe von Beobachtungen des Verhaltens von Kraftfahrern und Fußgängern in vier europäischen Ländern nachgegangen, die sie wiederum mit Mess- und Beobachtungsdaten aus früheren Uniroyal-Verkehrsuntersuchungen verglichen haben. Überraschend die ersten Ergebnisse: Sowohl die Regelverstöße als auch die Einhaltung der Regeln haben sich nirgendwo wesentlich verändert.

Das zeigt sich beispielsweise beim internationalen Vergleich des innerstädtischen Verkehrs, wo die Einhaltung der Tempolimits überall gleich geblieben ist - mit Ausnahme von Mailand, das mit einem Anstieg der Durchschnittsgeschwindigkeit und Höchstwerte glänzt. "Die negativen Erfahrungen", so die Autoren, "die in Mailand bereits dei früheren Untersuchungen gemacht wurden, setzen sich fort."

Auch das Verhalten der Autofahrer bei Rotlicht zeigt eine gleichbleibende Disziplin, nur Hamburg macht da eine Ausnahme: Zwar gibt es im Vergleich zu früher heute weniger ¹echte Rotfahrer``, dafür werden neuerdings mehr sogenannte Nachzügler beobachtet, also Fahrer, die in den ersten beiden Sekunden der Rotphase das Lichtsignal passieren. Unnötig anzufügen, dass auch dann Strafen und Punkte drohen.

Ein weiteres Indiz für den Verfall der Sitten könnte das Parkverhalten der Autofahrer bieten, aber auch hier wurden Ellinghaus und Steinbrecher nicht fündig: Zwar ist die Parkmoral weiterhin gleichbleibend schlecht, aber in allen bisher untersuchten Städten wurden Maßnahmen ergriffen, mit denen Verbesserungen der Parksituation erreicht werden konnten. Dazu gehören die intensivere Kontrolle, aber auch die baulichen Parkbehinderungen. Zwar seien nicht alle Poller und sonstigen Hinderungsbauwerke im Stadtbild Schmuckstücke, beklagen die Experten, aber sie wirkten doch disziplinierend und verhinderten das absolute Chaos.

Manchmal, so haben die Autoren der 25. Uniroyal-Verkehrsuntersuchung festgestellt, sind aber auch die Behörden schuld an einer Verschlechterung der Situation und provozieren förmlich regelwidriges Verhalten: Wenn ungeeignete Straßenzüge als Tempo-30-Zonen ausgewiesen werden oder Ampelschaltungen nicht den Verkehrsgegebenheiten angepasst sind, dann ist regelwidriges Verhalten die fast automatische Folge.

Autobahnverkehr: Von Rasern, Dränglern und anderen Rowdies

Zu schnell und zu dicht auf - das sind die Vorurteile zum Autobahnverkehr, wie sie in der Öffentlichkeit vorherrschen. Wenn also dieser Raser und Drängler heutzutage häufiger auftauchten als früher, so die Verkehrsexperten, wäre die These vom Verfall der Sitten wenigstens für den Autobahnverkehr bestätigt. Messbar wäre dies an höheren Geschwindigkeiten und an kürzeren Abständen zwischen den Fahrzeugen, beides harte Fakten, die mit Untersuchungen aus früheren Jahren zu vergleichen wären.

Immerhin an 18 Stellen in den vier beobachteten Ländern wurden damals wie heute tausende von Geschwindigkeitsmessungen vorgenommen, und das Ergebnis ist bemerkenswert: Änderungen in der Geschwindigkeit oder beim Abstand sind keine Folge von veränderter Moral, sondern weitaus häufiger das Ergebnis veränderter Umstände.

An allen Messstellen wuchs in den vergangen Jahren die Verkehrsdichte, der Lkw-Verkehr hat sich in den meisten Ländern sogar verdoppelt. Der größte Teil des Pkw-Verkehrs spielt sich deshalb nicht auf der rechten Sour der Autobahnen und Schnellstraßen ab, und man versucht, auf den Lkw-freien Spuren relativ hohe Geschwindigkeiten zu fahren auf Kosten des vorgeschriebenen Abstands. Das hat eine erheblich gestiegene Zahl von Übertretungen zur Folge, und auch das Unfallrisiko steigt enorm, kann aber kaum mit einem "Verfall der Sitten" begründet werden.

So ist in Deutschland die Zahl derer, die viel zu dicht auffahren, erheblich gestiegen, schreiben Ellinghaus und Steinbrecher. "Die Zahlen deuten darauf hin, dass sich die Abstandsmoral auf der Autobahn verschlechtert hat. An vier von fünf Messstellen haben sich die ohnehin niedrigen Minimalabstände weiter verkürzt."

Dasselbe beobachteten die Forscher in den übrigen Ländern: Obwohl beispielsweise im Großraum Paris die Autobahnen Verkehrsmengen bewältigen müssen, für die sie nicht geschaffen wurden, und damit der Anteil riskanter Abstände dramatisch angestiegen ist, zeigen gerade diese extrem belasteten Strecken "in welchem Ausmaß Kooperation möglich ist, und wie flexibel das System Straßenverkehr reagiert."

Schlussfolgerung der Autoren: "Eine Verschlechterung der Sitten ist dort auch unter ungünstigen Rahmenbedingungen nicht zu konstatieren, allerdings wachsen die Anforderungen an die Fahrer in derartigen Situationen extem."

Fußgänger: artig warten bei Rot

Nicht nur die Moral der Autofahrer scheint also gleichgeblieben zu sein. Auch bei der Beobachtung von Fußgängern an Ampeln stellten die Verkehrsforscher ein hohes Maß an Disziplin und angepasstem Verhalten fest. Im Vergleich zu den Vorjahren hat sich auch hier kaum wesentliches verändert, selbst die "provozierten Regelverstöße" sind gleich geblieben: Immer noch sind viele Drucktastenampeln so geschaltet, dass sich lange Wartezeiten ergeben, bevor grünes Licht gewährt wird. Da entscheidet der Fußgänger eben selbst und geht notfalls bei Rot.

"Dieses Ergebnis deckt sich mit früheren Erfahrungen", so die Autoren der Studie, "dass Verkehrsteilnehmer dazu neigen, die eigenen Spielräume zu erweitern." Ansonsten warteten Fußgänger in Deutschland zum Teil über zwei Minuten diszipliniert darauf, dass Ampeln umsprangen und Grün gaben.

Auch in den übrigen Ländern waren ähnliche Entwicklungen festzustellen. Kuriose Beobachtungen machten die Verkehrsforscher in Paris, wo Fußgänger weniger denn je rote Ampeln respektieren, obwohl die Grünphasen an Überwegen verlängert worden sind. Ebenso kurios: In Paris ist häufig das Kfz-Aufkommen so stark, dass der Verkehrsfluss völlig zum Erliegen kommt. "In dieser Situation", haben Ellinghaus und Steinbrecher beobachtet, "zwängten sich die Fußgänger dann durch die Autoschlange, ein Verhalten, das in Einzelfällen deutliche Unmutszeichen der Kraftfahrer hervorruft."

Möglicherweise wird dieses Phänomen eines Tages mit dem Fachwort "Mobilitätsneid" umschrieben werden.

In Italien wird den Fußgängern insofern entgegengekommen, dass zwischen Rot- und Grünphase eine enorm lange Gelbphase eingebaut wurde, möglicherweise auch um das gefahrlose Beenden des Überquerens zu erleichtern. Die Autoren beobachteten allerdings, dass diese verlängerten Gelbphasen inzwischen wie verlängerte Grünzeiten genutzt werden, Regelverstöße also wieder einmal ¹eingebaut`` sind.

Fremdbild und Selbsteinschätzung

Dieter Ellinghaus und Jürgen Steinbrecher begnügten sich aber nicht mit den eigenen Beobachtungen, sondern fragten die Verkehrsteilnehmer auch nach ihrer Selbsteinschätzung - und dies im Abstand von 22 Jahren. Welche Bedeutung haben Verkehrsvorschriften angesichts der Tatsache, dass sie schließlich täglich mannigfach verletzt werden? Und wie hat sich dies nach der deutschen Vereinigung von 1990 verändert?

Das überraschende Ergebnis: Regeln sind für die Menschen im Osten Deutschlands nicht nur das wichtigste Element der eigenen Verhaltenssteuerung, sie werden auch nicht als Einschränkung empfunden - wie im Westen. Mehr als die Hälfte aller Befragten im Osten Deutschlands stimmten der Feststellung zu: "Wenn sich alle Verkehrsteilnehmer an die Vorschriften halten würden, wäre der Straßenverkehr viel sicherer." Im Westen entsprach diese Einschätzung vor 22 Jahren ebenfalls der Mehrheit der Befragten; heute ist die Zustimmung unter 30 Prozent gefallen.

Dennoch werden Verkehrsverstöße nicht verharmlost, weder im Osten noch im Westen. Wenn auch der Stellenwert von verschiedenem Fehlverhalten völlig falsch eingeschätzt wird. Schon vor 22 Jahren beispielsweise glaubte ein Drittel der Befragten, dass Alkohol am Steuer Unfallursache Nummer Eins sei. Diese Einschätzung ist im Jahr 2000 noch gewachsen: Mehr als die Hälfte aller Kraftfahrer überschätzten den Stellenwert von Alkohol als Unfallursache; tatsächlich liegt Alkohol in der Statistik an fünfter Stelle, 1978 ebenso wie im Jahr 2000. An erster Stelle stehen nach wie wir Verkehrsverstösse im Zusammenhang mit der Geschwindigkeit.

Auch bei der Einschätzung der Strafen hat sich das Bild seit 1978 nicht verändert; immer noch sollten Rückwärtsfahren auf der Autobahn, Alkohol am Steuer, Überfahren einer roten Ampel und Überschreiten der Geschwindigkeit um 40 km/h im Stadtgebiet besonders streng geahndet werden; Halt- und Parkverstöße sollten dagegen großzügiger behandelt werden. Tendenziell erwarten Frauen und ältere Kraftfahrer eher mehr Strenge, aber auch hier ist in den vergangenen 22 Jahren keine Veränderung zu erkennen.

Ganz generell, so die Autoren der 25. Uniroyal-Verkehrsuntersuchung, kann man sogar einen positiven Einstellungswandel feststellen. Wenn vor mehr als 20 Jahren noch 88 Prozent der Befragten einräumten, innerorts hin und wieder schneller als 50 km/h zu fahren, sind es im Jahr 2000 nur noch 70 Prozent: auch auf Landstrassen gaben 1978 noch 80 Prozent an, schon mal mehr als 100 km/h zu fahren, heute sind dies nur noch 67 Prozent.

Andererseits scheinen die Verkehrsteilnehmer auch nur dann folgsamer zu sein, wenn die veränderte Situation sowieso verändertes Verhalten erfordert. Auf Autobahnen beispielsweise gilt die Einhaltung der Richtgeschwindigkeit von 130 km/h nicht mehr als so wünschenswert wie vor 20 Jahren. Dasselbe gilt für bestimmte Situationen im Verkehr, wie das Anhalten an roten Ampeln und Stoppschildern, wo die befragten Verkehrsteilnehmer sich unter entsprechenden Umständen größere Freiheiten zubilligen.

Ärgernis: Halten und Parken

Halt- und Parkvorschriften hatten, so die Verkehrsforscher, schon 1978 "den niedrigsten Beachtungsgrad": Jeder Sechste erklärte damals wie heute, das Auto häufiger schon mal im absoluten Halteverbot abzustellen; an der Parkuhr und im eingeschränkten Halteverbot ist die "Bereitschaft zum Regelverstoß", wie die Autoren formulieren, noch größer. Rund ein Drittel aller Kraftfahrer räumt sich hier größere Freiheiten ein.

Zu Überraschung der Forscher sind da sogar die Frauen, die sich ansonsten als besonders "regeltreu" erweisen, durchaus den Männern ebenbürtig: Im gleichen Maße wie Männer sind sie bereit, beim Parken und Halten mal ein Auge zuzudrücken. Nur ältere Verkehrsteilnehmer bleiben auch hier diszipliniert; zwei von drei Kraftfahrern über 60 Jahren erklären, niemals gegen das absolute Halteverbot zu verstoßen.

Ganz generell seien, so die Verkehrsexperten, die Regelverstöße vor allem an Parkuhren erheblich zurückgegangen. Die Zahl derer, die immer mal wieder bereit wären, auf das Bedienen der Uhr zu verzichten, ist von 54 Prozent im Jahr 1978 auf 18 Prozent heute zurückgegangen. Die Forscher führen diesen offensichtlichen Anstieg an Disziplin auf die verstärkten Kontrollen zurück, mit denen die Städte immer konsequenter Parkraum überwachen. Wildes Parken ist dennoch immer noch weit verbreitet, trotz einer weitgehenden "Verpollerung" (Ellinghaus) vieler Stadtgebiete.

Die Autoren fragten auch nach der Einstellung der Verkehrsteilnehmer zu Kontrollen ganz allgemein: Im Jahr 1978 erklärten in diesem Zusammenhang nur 19 Prozent der Befragten, dass sie beispielsweise angesichts eines Streiks der Polizei keine Probleme hätten, auch dann nicht, wenn dadurch Überwachung und Kontrollen wegfielen. Heute liegt diese Zahl bei 22 Prozent, und die große Mehrheit von über 70 Prozent würde sich durch die Abwesenheit von Polizei eher verunsichert fühlen.

Auch die Bereitschaft, einen solchen fiktiven Streik zu nutzen, um die eine oder andere Verkehrsvorschrift zu übertreten, ist kaum gewachsen, obwohl eine Tendenz dahingehend feststellbar ist. Das hält sich allerdings im Osten Deutschlands in Grenzen; hier ist man regeltreu auch dann, wenn die Polizei nicht präsent ist. Wo weniger als die Hälfte der Westler das Halteverbot beachten würden, täten dies im Osten fast drei Viertel, und wo nur jeder Vierte im Westen auch dann die Parkuhr bedienen würde, wenn die Polizei streikte, täten dies im Osten immerhin fast 50 Prozent.

Egoismus oder Eigenständigkeit?

Zusammenfassend beurteilen die Verkehrsexperten die Entwicklung durchaus positiv. Wenn auch die Einschätzung mancher Veränderungen durchaus zwiespältig ausfällt. So schreiben Ellinghaus und Steinbrecher, dass heute eine ausgeprägte Tendenz bestünde. "Regeln im situativen Kontext zu sehen und nach der individuell wahrgenommenen Gefährlichkeit über deren Befolgung selbst zu entscheiden". Was auch so gedeutet werden kann, als dass egoistische Verhalten im Straßenverkehr gewachsen sei.

Andererseits räumen sie ein, dass diese "Individualisierung" einer "relativen Konstanz" in den Einstellungen und Verhaltensmustern der Verkehrsteilnehmer gegenübersteht, dass sich also in Wirklichkeit während der vergangenen Jahrzehnte Vorsicht und Disziplin nicht verschlechtert haben. Vom "Verfall der Sitten", so die 25. Uniroyal-Verkehrsuntersuchung, kann jedenfalls keine Rede sein.

(Quelle: Continental A. G. - Uniroyal, Hannover)


NZV 1/2001